Montag, 27. November 2017

Einführung zur Personalausstellung von Rudolf Horn

Einführung zur Personalausstellung von Rudolf Horn (04. November 2017 bis 12. Dezember 2017 im Obergeschoss, Galerie Zaglmaier in Halle (Saale))


Waldheim ist ein schönes Städtchen in Mittelsachsen. Es lag an der alten Salzstraße von Halle nach Böhmen und wurde erstmals 1198 erwähnt. Zu den bekannten Söhnen der Stadt zählt man gern den Bildhauer Georg Kolbe und den Möbeldesigner Rudolf Horn. Waldheim ist bekannt für die nahe gelegene Burg Kriebstein und die gleichnamige Talsperre in wunderschöner hügeliger Umgebung. Ob Zuchthaus oder Industrie - mindestens zwei Sprüche stehen bis heute mit dem Ort in Verbindung: „Wer nichts wagt, kommt nicht nach Waldheim“ und „Florena- Ich fühl' mich wohl in meiner Haut“. Ach ja, hier wurde die Zahnseife als Vorläuferin der Zahncreme erfunden, das berühmte Spielsystem mit den über Noppen zusammensteckbaren Bausteinen als „Bauen ohne Bindemittel“ entwickelt und wunderbares Blechspielzeug gebaut. Bedeutung erreichte die Möbelindustrie über mehrere private Tischlereien bis hin zu den weithin bekannten sog. Klappstuhlwerken.
Stillleben mit Blechdose | Öl auf Hartfaser (ca. 1990) | Malerei von Rudolf Horn

Nach Kriegsende 1945 und dem Abzug der Amerikaner fiel die Verantwortlichkeit über Waldheim nun vollständig an die Rote Armee. Rudolf Horn war damals gerade sechzehn Jahre jung, ausgebildet als Kanonenfutter für einen sinnlosen Endsieg, jedoch mit dem Berufsziel Möbeltischler und einem starken Interesse fürs Zeichnen und Malen. Die Depression der Nachkriegszeit führte die Menschen zur Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Symbol war Picassos „Friedenstaube“. Und so schickte Mutter Horn ihren Sohn zum sowjetischen Dolmetscher und Sekretär der Stadtverwaltung Alexander Neroslow, der eigentlich Künstler war, denn das „Gekritzel“ ihres Jungen sollte sich mal jemand anschauen. Was dann geschah war ein Glücksfall. Der wirklich lebenserfahrene Neroslow, der u.a. mit Künstlern wie Hans Grundig und Otto Dix bekannt war, betrachtete die Arbeiten der zusammengestellten Mappe wohlwollend, aufmerksam und kritisch, als er die alles weitere bewegende Frage stellte: „Für wen machst Du das?“. Die damalige Antwort des Suchenden ist nicht wichtig - entscheidend ist, dass es die Frage wurde, die Rudolf Horn stets begleitete. „Für wen machst Du das?“ wurde die Frage beim Lernen und Lehren, beim Entwerfen, Zeichnen und Malen. „Für wen machst Du das?“ wurde die Frage seines Lebens. 
Und wer etwas wagt, kommt auch von Waldheim weg. Rudolf Horn hat seine Verbindung dorthin nicht abreißen lassen. Nicht in der Zeit seiner Studien und nicht während seines Schaffens als Formgestalter und Professor. Lebensmittelpunkte wurden jedoch Leipzig und Halle. Projekte führten ihn nach Dresden und Hellerau oder nach Rostock, aber auch in die einst mit der DDR verbundenen Staaten. Seine modularen Wohnsysteme sind uns vertraut. Wer hat sich nicht in Vorzeiten ebenso am Aufbau eines MDW- Möbels von Rudolf Horn versucht, wie mancher heute an der Montage von Billy, Kallax oder Hemnes – jenen beliebten schwedischen Möbeln, die MDW erstaunlich ähnlich sind. Mit der Arbeit und der Verantwortung kamen die Anerkennungen: 1983 Designpreis der DDR und 1989 Nationalpreis für Kunst und Literatur der DDR. Viel Trubel also vor und auch nach der politischen Wende von 1989 um den Burg-Professor aus Halle, der Design-Geschichte schrieb.
Doch was zunächst kaum jemand wusste, war, dass Rudolf Horn immer auch malte und immer auch zeichnete. Es ist die Arbeit in zwei Dimensionen eines Meisters, der sich als solcher in mindestens drei Dimensionen ausgewiesen hat. Die räumliche Erfahrung des Formgestalters kommt dem bildenden Künstler entgegen. Man spürt den Raum in der Landschaft und will den Blumenstrauß greifen. Farben, Licht und Stofflichkeit tragen dazu bei. Die Bilder sind durchkomponiert und somit spannungsreich - sie sind zeitgenössisch, hochmodern und orientieren sich dabei durchaus am Bewährtem. Nicht selten befasst sich der Künstler mit einem Motiv mehrfach. Er schafft Varianten in dem er Formen reduziert und kompositorisch modifiziert. Es bleibt spannend bei der Suche nach dem qualitätvoll Möglichen. Es ist Rudolf Horn sehr wichtig auf ein fundiertes Grundlagenstudium, wie es z.B. in Halle durch Lothar Zitzmann gelehrt wurde, aufzubauen und er legt es jungen Künstlern immer wieder ans Herz, sich sowohl mit Gestaltungslehre, die auf uns überkommenen Techniken und auch Kunstgeschichte auseinanderzusetzen.

Christiane mit Brosche | Öl auf Hartfaser (2015) | Malerei von Rudolf Horn

Wohl ist die eigene Kunst für Rudolf Horn stets die sehr persönliche Möglichkeit erlebtes zu verarbeiten, sich zu erinnern und Momente festzuhalten, doch ganz sicher die Erfüllung jenes Dranges, den er aus Kinderzeiten spürt. Rudolf Horn malt, so bin ich sicher, für sich und nicht für andere - uns lässt er heute teilhaben. Möbel gestaltet Rudolf Horn jedoch für uns, die Nutzer. Der Unterschied ist entscheidend und es entsteht das, was jeweils gebraucht wird- ein wahres Ergebnis.
Im Juni feierte Rudolf Horn seinen 88. Geburtstag. Bis vor wenigen Tagen waren aus jenem Anlass große Teile dieser Ausstellung noch auf Burg Kriebstein für ein breites interessiertes Publikum zu sehen. Die bekannte hallesche Malerin Christiane Jung sprach dort zur Eröffnung und ich freue mich, dass wir im Rahmen des Galeriegespräches zu dieser Ausstellung ebenfalls in den Genuss dieser kurzweiligen und inhaltsreichen Ausführungen mit Blick auf das bildkünstlerische Werk Rudolf Horns kommen werden.
Thomas Zaglmaier