Montag, 2. März 2015

(PA) 'Gerd Weickardt - Zyklus Zauberlehrling'; vom 17.01. bis 10.03.2015 in Galerie Zaglmaier




Die Welt ist rund und dreht sich. Das Wasser der Flüsse ergießt sich in andere Flüsse und schließlich ins große Meer. Dahinter gibt es andere Länder und Kontinente. Kinder, die das begreifen, träumen von fremden Blumen, Bäumen, Tieren und Menschen, werden in ihrer Phantasie angeregt, fragen und forschen. Ein kleiner Junge stand Mitte der 50er Jahre in Halle am Ufer der Saale und setzte zahllose selbstgebastelte und bemalte Papierschiffchen stromaufwärts ins Wasser. "Bei so vielen Booten", erklärte er seinen Freunden, "wird doch bestimmt eines den Weg in die ferne Welt schaffen."
Seit nunmehr 60 Jahren reist der Kapitän durch den Zauber der Zeit rund um die Erde und erlebt dabei Wunderbares aber auch Schreckliches. Gerd Weickardts Zauberlehrling will das eigentlich Unverständliche begreifen. Was treibt uns in Kriege, Hass und Gewalt? Dabei bedient er sich eben nicht höherer Mächte, die stumpfsinnig und bald nicht mehr beherrschbar für ihn agieren. Dieser Zauberlehrling beobachtet und zeigt uns dabei wie vielschichtig die Konsequenzen einer einzigen Tat sind, wie sich unsere Sicht darauf im Laufe der Zeit ändern kann und liefert uns somit Interpretationen des Erlebten.
Die in dieser Ausstellung gezeigten Themengruppen aus dem großen Zyklus "Zauberlehrling" von Gerd Weickardt sind lediglich ein Ausschnitt der künstlerischen Gesamtleistung. Präsentiert werden hier die Themen: "Gretchens Frage", "Meister", "Großer Auftritt", "Schreie" und "Goldmarie". Ausgangspunkte sind jeweils großformatige Gemälde. Diese wurden als Offset-Drucke reproduziert und künstlerisch weiterbearbeitet. Durch Übermalung entstanden die vom Künstler als "Printpaintings" bezeichneten Arbeiten. Zu jeder Themengruppe zählen konzeptionell 15 solcher Blätter. Da unser Zauberlehrling auf jedem Ölgemälde einer Themengruppe präsent ist, ist er es also auch auf jedem der "Printpaintings" - selbst dann, wenn er durch Übermalung mal nicht sichtbar ist. Die hier durch den Künstler Gerd Weickardt gewählte und seltene Verfahrensweise des Umgangs mit einem Thema lässt die Variation des selben durch das Belassen von Fragmenten des Druckes unter Hinzufügung neuer gemalter Elemente mit besonders spannenden Ergebnissen zu.
Mit der Werkgruppe "Großer Auftritt" wird an Personen und konkrete Ereignisse erinnert, die wir bis heute nicht vergessen haben und die verschiedenste Empfindungen wachrufen.
So erfährt Manuel Uribe, der mit 592 kg der schwerste Mann der Welt war, ebenso seinen großen Auftritt wie Marilyn Monroe, die DigeDags oder der Transvestit. Eines der weickardtschen "Printpaintings" dieser Serie würdigt die mutige Tat des Georg Elser, der die Welt am 8. November 1939 beinahe von einem der schlimmsten deutschen Despoten befreit hätte - ein anderes erinnert an die entsetzliche Hinrichtung eines Viet-Cong-Capitains im Jahr 1968 durch den Polizeichef von Saigon mittels Kopfschuss auf öffentlicher Straße. Damals drückte der Fotograf Eddie Adam auf den Auslöser seines Fotoapparates - die Dokumentation war auch Beitrag eines Kino-Augenzeugen.
Im Zenturm der Themengruppe "Meister" steht die schreckliche Fratze des Todes. Die Bildnisse der Marilyn Monroe im Zeitfenster von nur 2 Wochen als schillerndes Idol und Totenporträt.


Immer wieder die "Schreie" des neunjährigen Mädchens Kim Phúc sehen ja hören wir unter dem gleichnamigen Thema. Am 08. Juni 1972 wurde das vietnamesische Dorf Trang Bang bei einem Luftangriff getroffen. Das Foto wurde von Nick Út aufgenommen und ging als kriegsanklagende Fotoikone um die Welt. Das Mädchen welches durch schlimmste Verbrennungen verletzt war, konnte gerettet werden. Innerhalb von 14 Monaten musste sich das Kind in der Folge 17 Hauttransplantationen unterziehen. Heute ist Kim Phúc ehrenamtliche UNESCO-Botschafterin und setzt sich für Kinder in Kriegsgebieten ein.
Kinder erforschen die Welt, Kinder stellen Fragen. So auch die Weickardts Enkeltochter Gretchen. Farbenfroh und heiter baut sich die Welt des kleinen Mädchens auf. Von der Schöpfungsgeschichte zu den Sternen. Ebenso konfrontiert mit den Fragen zum aktuellen Zeitgeschehen mit Stacheldraht und Mauern, den Kindern in Konzentrationslagern und den einstürzenden Türmen des 11. September gipfelt die Betrachtung der Arbeiten im Spiegel. Ich bin Teil des Ganzen, was habe ich dagegen getan? Auf dem Tisch weitere Offset-Drucke zu neuen Themen lassen Freude und Hoffnung erkennen. Die „Blaue Blume“ der Romantik. Im Atelier des polnischen Bildhauers „Meister Jan“. Der „Goldkäfer“, „Goldei“ und „Freudenhaus“. Im „Sommer 2000“ hat der Künstler wohl jene gesuchten fremden Blumen und Bäume gefunden. Immer dabei der Zauberlehrling, der mit Kopf und Bauch empfindet. 
Keines der Papierschiffchen des Gerd Weickardt scheint untergegangen. Sie sind mit der Zeit über das Trothaer Wehr hinausgetrieben in die Welt und senden uns bis heute Nachrichten wie von Zauberhand. Viele dieser Informationen sind traurig, manche nur stimmen uns heiter. So ist es die Mahnung, die uns bleibt. Lerne die Welt mit eigenen Augen sehen, mach’s wie ein Kind. Sei der Zauberlehrling.

T. Zaglmaier
Rede zur Ausstellungseröffnung „Gerd Weickardt“ am 17. Januar 2015