Dienstag, 27. Mai 2014

Günther Rechn und Gerald Große

Eröffnungsrede zu den Ausstellungen

Günther Rechn – Zum 70. Geburtstag
Malerei und Grafik (Ausstellung bis 01. Juli 2014)
sowie
Gerald Große – „Zwei an der Saale: Neustadtjubiläum“
Fotografie (Ausstellung bis 12. August 2014)

vom Samstag, dem 24. Mai 2014, 15:00 Uhr in der Galerie Zaglmaier in Halle (Saale)

Rückseite Schutzumschlag des Bildbandes "Zwei an der Saale" von Gerald Große (1979)

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
 mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Hermann Hesse

Zwei Reisende halten heute erneut in Halle inne. Beide Künstler kamen bereits 1966 hierher und hinterließen mächtige Spuren. Zu beider wichtigster Stationen zählt ebenso die Lausitz. Beide haben ihre Verbindungen zu uns nie abgebrochen. Und doch tritt ein, was Kunst so spannend macht – die Sicht auf die Dinge, das Anliegen, das Thema des Malers Günther Rechn sind gänzlich anders als die des Fotografikers Gerald Große.

Luna (Öl auf Leinwand, 80 x 170 cm) von Günther Rechn (2012)



Man kann trefflich reimen, wenn ein Künstler namens Rechn in eine Stadt kommt, die auf das Engste mit dem Namen Blechn verbunden ist. So geschah es 1977 als Günther Rechn Halle verließ, alle Angebote einer mehr als aussichtsreichen Hochschulkarriere an der Burg ausschlug und als freischaffender Maler und Grafiker in die Niederlausitz zog. Im März dieses Jahres feierte Günther Rechn nun seinen 70. Geburtstag. Für uns Anlass zu einer umfassenden, längst fälligen Werkausstellung des Künstlers in diesen Räumen.

„Das ist der Maler Günther Rechn“ tuschelte man damals, wenn der Mann mit dem markanten Bart und den zwei großen Doggen spazieren ging. Die Hunde waren immer dabei – auch manches Mal im Zeichensaal an der Kunsthochschule, wo Günther Rechn nach Abschluss seines Studiums als Assistent selbst Naturstudium und Aktzeichnen lehrte.

Ich traf Günther Rechn 2012 in Dessau aus Anlass einer Ausstellung für Heinz Rammelt, jenem Tierzeichner der auch als „Walt Disney des Ostens“ und vor allem als Autor der Zeichnungen zum Buch „Die Tiere haben das Wort“ von sich bis heute reden machte. Wenn Günther Rechn Heinz Rammelt als Künstler benennt, der sein eigenes Schaffen stark beeinflusst hat, so kommt er mit ebensolcher Achtung auch auf seine Lehrer Hans Rothe, Lothar Zitzmann, Willi Sitte und Hannes H. Wagner zu sprechen. Es ist auch die Wertschätzung gegenüber Lehrern, die es vermochten, die Klassen der Maler und Grafiker an der Burg zu etablieren, obwohl zur damaligen Zeit eine solche Ausbildung für Halle nicht den politischen Zielstellungen entsprach. Dass die Gobelinwirkerei letztlich Malerei ohne Ölfarbe ist, machte den Kniff aus, der nachhaltig zum Erfolg führte.

Wenn Günther Rechn Tiere malt, entstehen charaktervolle Porträts von Individuen. Er zeigt sie in der Landschaft, beim arttypischen Spiel in Schönheit und mit Kraft. Die leider noch immer manchen Ortes durchgeführten Hundekämpfe, die Pits, verabscheut der Maler.

Staccato (Öl auf Leinwand, 110 x 180 cm) von Günther Rechn (2009)

Seit 1945 ist der „Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc verschollen und dennoch großartiger Teil der Kunstgeschichte. Ganz anders ging Günther Rechn auf das Thema zu. Jeder Ton steht, wenn sich Rechns Pferde im Staccato zum Turm formieren. Es ist eine gewaltige Sinfonie von Pferdestärken, deren energetische Ladung selbst die zeitgenössischen Energieerzeuger im Hintergrund verblassen lassen. Hufgetrampel, Wiehern, Staub, Schweiß - kein einfältiger Don Quichotte, der die Mühlen noch als adäquaten Gegner wahrnehmen könnte.
In seiner Cottbuser Ausstellung zeigt Günther Rechn ebenso Arbeiten, welche aus meiner Sicht für zeitgenössische Kunstmuseen interessant sein müssten. „Der Raub der Sabinerinnen“ und „Erlkönigs Töchter“ gehören mit Sicherheit zu tragenden Werken mit intellektuell-gegenwartsbezogenem Hintergrund eines großartigen Künstlers.

Günther Rechn hat seit einigen Jahren die Gärtnerei zu einer weiteren Leidenschaft für sich angenommen. Fast das ganze Jahr über malt er mit Blumen und Blüten im Garten am Atelier sich stetig verändernde Bilder. Er schätzt die Natur mit keimenden Sprossen, die sich üppig entwickelt und über die Blüte und den Verfall vielfältigste Phasen der Entwicklung durchlebt. Seine Landschafts- und Blumenbilder lassen für uns seine Liebe in Öl auf Leinwand miterleben.

Landschaften und Architektur malt Günther Rechn in der Niederlausitz wie in Italien. Er interessiert sich für Parks, die Menschen geschaffen haben, ebenso wie für Unberührtes. Getrieben von einem unstillbaren Bedürfnis arbeitet Günther Rechn stetig – kein Tag vergeht ohne einen Strich, jeder mit explosiver Kraft. In seinem Atelierkeller stehen bereits zwei wunderbare Lithopressen. Auch Steine sind da. Günther Rechn fiebert schon nach neuen Arbeiten und wir sind freudig gespannt.

Vorderseite Schutzumschlag des Bildbandes "Zwei an der Saale" von Gerald Große (1979)

In den 60er und 70er Jahren kamen auch zahlreiche Künstler nach Halle-Neustadt. „Hier passierte etwas“ sagt Gerald Große und vergleicht den Neubau der Stadt für mehr als 100.000 Bewohner mit den großen Themen der Gegenwart. Es trafen sich im internationalen Team Architekten und Bildende Künstler, Schriftsteller und eben auch Fotografen. Jeden Tag gab es Neues zu sehen. Entlang den Kranbahnen wuchsen fünf- und zehngeschossige Wohnbauten und erste Sonnenblumen. Noch fehlte es an Bäumen und Gehwegen. Die Menschen wateten mit Gummistiefeln durch den Schlamm – eine Zumutung, die man in Kauf nahm für modernen Wohnkomfort in den eigenen vier Wänden. Damals waren Halle-West´s Einwohner kaum älter als 30 Jahre. Schulen und Kindergärten wurden gebraucht. Zunächst trugen allein Letztere Namen wie "Struppi", „Pittiplatsch“ oder „Flachs und Krümel“. Dass die Straßen keine Namen hatten, war für die meisten Menschen von untergeordneter Bedeutung und vielen war die Block-Nr. ohnehin lieber als die zeitgemäße Alternative.

Die Menschen trafen sich nicht nur zum Subotnik, sie feierten, stritten und liebten sich. Wer eine Schlagbohrmaschine hatte nutzte sie, auch Weihnachten, so hatten Alle etwas davon. Autowaschen war beliebte Freizeitbeschäftigung. Tatsächlich lebten hier Tür an Tür der Chemiearbeiter und der Hochschulprofessor. Der Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Gerald Große erhielt in Halle-Neustadt eine Wohnung gleich neben dem Schriftsteller Werner Bräuning – Grundlage für gemeinsame, fruchtbringende Arbeit. Hier Bildbände machen war sein Traum – möglichst ein ganzes Regalfach der guten Hellerau-Wand mit eigenen Büchern füllen. Heute hat er es geschafft! Zu den wunderbaren Bänden aus dem Spreewald und Bautzen kamen welche zum Mansfelder Land und auch Wien. Der Bildband „Zwei an der Saale, Halle und Halle-Neustadt“ dürfte nicht nur diesen Ortes zu den Bekanntesten zählen. Gemeinsam mit Hans-Jürgen Steinmann, der die Texte schrieb, entwarf Gerald Große 1979 eine Kostbarkeit der Buchkunst, welche der Namensgeber für diese Ausstellung wurde. Es sei uns verziehen, wenn in unserer Präsentation die Altstadt doch etwas kurz kommt. Immerhin konnte Halle, in kürzester Zeit, bereits zweimal ein über tausendjähriges Jubiläum begehen. Nun wird Halle-Neustadt Fünfzig.

Zwanzig Jahre nach dem Krieg, der die Welt wie kein anderer erschütterte, sollte Beispielhaftes entstehen. Die DDR-Wirtschaft lotete ihre Grenzen aus. Die gleichen Schrankwände, Sitzgruppen und Fernseher standen in den gleichen Wohnungen an der gleichen Stelle und doch waren die Menschen in dieser Zeit glücklich. Das gab Stoff für viele professionelle Fotografen, die wie Gerald Große oder Walter Dreizner auch Zirkel leiteten - Arbeitern und Intellektuellen, auch Schülern wie mir damals, den Blick für die Reize des Alltäglichen öffneten. Für Gerald Große sind die grafischen Elemente der Arbeiten wichtig. Und weil Fotografie immer auch den Charakter der Wahrhaftigkeit hat, entstanden mit den Jahren dem Künstler unverwechselbar zuzuordnende Zeitdokumente.

Gerald Große, der Büchermacher, sah sich selbst nie als Künstler der Ausstellungen und Galerien bediente. Nach mehr als dreißig Jahren trafen wir uns in der Bahnhofslounge in Halle vor einem knappen Jahr wieder als Peru John eine nunmehr zweiteilige Halle-Neustadt-Präsentation digitaler Umsetzungen der Fotos von Gerald Große organisierte. Im Ergebnis dessen entstand nun bei uns doch eine Ausstellung mit originalen Fotos von Gerald Große – erstmals in einer Galerie. Darüber freuen wir uns.

Der Halle-Neustadt-Planer Prof. Richard Paulick betonte stets, dass der Bau einer Stadt nie abgeschlossen sein wird, da die Bedürfnisse der Menschen sich stetig ändern. Künstler wie Gerald Große und Günther Rechn, aber auch der nächsten Generationen, werden sich weiter einbringen. In dieser Hinsicht wollen wir uns auf die Zukunft freuen und diese Ausstellungen und den Nachmittag genießen.


Sehen wir es wiederum wie Hermann Hesse:

„Heim kommt man nie. 
Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen,
da sieht die Welt für eine Stunde wie Heimat aus.“

Bauleute von Halle-Neustadt (Fotografie) von Gerald Große (um 1979)